Hörbeitrag
Weltbildungstag

„Analphabetismus ist Unmündigkeit.“ – Zu diesem Schluss kommt Michael Berg, nachdem er sieht, wie das Leben eines geliebten Menschen unter dieser Einschränkung leidet und letztlich scheitert.
Michael Berg – wer ist das? Er ist vielen von uns besser bekannt als „Der Vorleser“ – der Protagonist im gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink.
„Analphabetismus ist Unmündigkeit.“ – So könnte auch das Motto des Gedenktages an das internationale Analphabetentum lauten.
Von der UNESCO im Anschluss an die Weltkonferenz zum Analphabetentum 1965 ins Leben gerufen, wurde er am 8. September 1966 erstmals begangen.
Dieser Tag trägt verschiedene Namen:
Weltalphabetisierungstag, im Englischen World Literacy Day und vor allem: Weltbildungstag.
Viele Namen – ein Problem, weltweit:
Rund ein Fünftel aller Erwachsenen können weder Lesen noch Schreiben. Vielen ist aufgrund ihrer Lebenssituation der Zugang zu Bildungsmöglichkeiten versperrt und somit der Zugang zu vielen Berufen und Lebensentwürfen verwehrt.
Der Weltalphabetisierungstag will daran erinnern, dass weltweit rund ein Fünftel der erwachsenen Menschen weder lesen noch schreiben können. Eine erschreckend hohe Zahl.
Zunächst scheint das Problem weit weg zu sein – verortet in Ländern mit einem schlechteren Bildungssystem als dem in Deutschland.
Doch auch in unserem Land gibt es laut Schätzungen etwa vier Millionen funktionale Analphabeten. Dabei handelt es sich um Erwachsene, die trotz des Schulbesuchs in etwa so gut lesen und schreiben können wie Kinder in der ersten und zweiten Klasse.
Die Protagonistin des Romans „Der Vorleser“, Hanna Schmitz, ist nicht funktionale, sondern sozusagen „volle“ Analphabetin:
„Was immer ich an all den Jahren über Analphabetismus hatte finden können, hatte ich gelesen. Ich wusste von der Hilflosigkeit bei alltäglichen Lebensvollzügen, beim Finden des Wegs und einer Adresse oder beim Wählen eines Gerichts im Restaurant, von der Ängstlichkeit, mit der der Analphabet vorgegebenen Mustern und bewährten Routinen folgt, von der Energie, die das Verbergen der Lese- und Schreibunfähigkeit erfordert und vom eigentlichen Leben abzieht.“ (S. 178, Der Vorleser, Bernhard Schlink [Autor], Diogenes Taschenbuch)
Diese Beobachtung macht Michael Berg, der 21 Jahre jünger ist als sie. In seiner Jugendzeit hat er mit ihr ein Verhältnis, zeitlich begrenzt. Und doch prägt ihn diese Begegnung so sehr, dass er sich letztlich sein Leben lang mit ihr beschäftigt.
„Der Vorleser“ ist ein sehr erfolgreicher, aber auch umstrittener Roman. Einige Kritiker meinen, das Thema Analphabetismus diene hier zur Verharmlosung des anderen schwerer wiegenden Themas Nationalsozialismus, zumal es sich bei der Protagonistin um eine ehemalige KZ-Aufseherin handelt.
Hier soll es jedoch nicht um die literarische Qualität des Romans gehen, sondern um die Allgemeingültigkeit des Satzes „Analphabetismus ist Unmündigkeit“ – und somit um die gravierende Bedeutung von Lesen und Schreiben für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.
Sehr deutlich wird, wie sehr sich Analphabeten für ihre Schwäche schämen und welchen Aufwand sie betreiben können, um ihre Schwäche vor ihrer Umwelt zu verstecken.
So beginnt die Protagonistin erst an einem Tiefpunkt ihres Lebens, dieser Schwäche entgegenzutreten und etwas dagegen zu tun.
„Indem Hanna den Mut gehabt hatte, lesen und schreiben zu lernen, hatte sie den Schritt aus der Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt.“
Jedem Menschen sollte dieser Schritt ermöglicht werden. Das sollten Regierungen als eine ihrer höchsten Prioritäten ansehen.
Aber auch die christliche Kirche hat den Auftrag, Sorge zu tragen für Bildung – denn Bildung bedeutet Mündigkeit und Begegnung auf Augenhöhe.
Wenn Menschen keinen Zugang zu Bildung haben, wird ihnen ein wichtiges Grundrecht verwehrt. So heißt es in Art. 5, Abs. 1 unseres Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“
Darum unterstützt auch die Evangelische Kirche von Westfalen mit verschiedenen Aktionen die Verbesserung der Bildungschancen – wie z. B. das Forum für Bildungsgerechtigkeit oder die Kampagne gegen Kinderarmut. So kann eine mögliche Folge von Kinderarmut Analphabetismus sein.
Allgemein gilt, dass Analphabetismus meist kein intellektuelles, sondern ein soziales Problem ist.
„Analphabetismus ist Unmündigkeit.“ – Dass es bei dieser Unmündigkeit nicht bleiben darf, daran will uns der Weltbildungstag erinnern.